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Richtigstellungen zur Besprechung von “Fascism Past and Present, West and East” in der Zeitschrift OSTEUROPA

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Von der Zeitschrift Osteuropa nicht veröffentlichte Richtigstellung zur Rezension von Iris Boysen im Heft 4/2007:

Sehr geehrte Redakteure der Osteuropa,

leider sehe ich mich veranlasst, an Sie die ungewöhnliche Bitte zu richten, diesen Brief betreffs einer Rezension in Ihrer Zeitschrift zu veröffentlichen, da jene Besprechung eine Reihe sachlicher Fehler enthält. Iris Boysen besprach in Osteuropa 4/2007, S. 187-188 das Buch Roger Griffin, Werner Loh und Andreas Umland (Hrsg.): Fascism Past and Present, West and East: An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Stuttgart: ibidem-Verlag, 2006, erschienen als Band 35 in meiner Buchreihe „Soviet and Post-Soviet Politics and Society“.

Es bleiben nicht nur die Gründe unerwähnt, warum dieser Band in einer Buchreihe zu Osteuropa erschien, und unklar, weshalb das Buch in der Zeitschrift Osteuropa besprochen wurde. Boysen macht folgende Falschangaben, die für die Leser der Osteuropa richtig gestellt werden sollten:

1. Im ersten Satz schreibt Boysen, ich hätte den Band in meiner Vorankündigung als „die Fortsetzung des ‚Historikerstreits’“ (S. 187) charakterisiert. Nicht ganz: Ich habe das Buch nicht als „die“, sondern als „eine Art Fortsetzung des ‚Historikerstreits’ unter aktuellpolitischen Gesichtspunkten“ annonciert. Da sich Boysen hier die Mühe macht, nicht nur das Buch, sondern auch dessen Vorankündigung zu besprechen, wäre es informativ gewesen zu erwähnen, warum ich diesen, in Boysens Wiedergabe hochstaplerisch klingenden Anspruch erhoben habe. Der Hauptprotagonist des „Historikerstreits“ der Achtziger spielt auch in Fascism Past and Present, West and East eine Rolle: Ernst Nolte ist aktiver Teilnehmer und wesentliches Streitobjekt dieser Diskussion. Der Name „Nolte“ findet im Buch 232 Mal Erwähnung. Nicht nur Griffin und Nolte, sondern auch andere, insbesondere deutsche Beiträger der Diskussion, diskutierten erregt, ja teilweise aggressiv die Noltesche Nazismustheorie vom „kausalen Nexus“ zwischen GULag und Holocaust und sein Konzept von Faschismus als „Widerstand gegen praktische und theoretische Transzendenz“. Wie auch im „Historikerstreit“ geht es in diesem Band wesentlich darum, ob und wie das Dritte Reich unter vergleichenden Gesichtspunkten zu interpretieren ist.

2. Im zweiten Satz ihrer Rezension schreibt Boysen: das „Werk (fasst) eine Debatte zusammen, die sich 2005 in der Zeitschrift Erwägung Wissen Ethik entwickelt hatte und von 16 in- und ausländischen Forschern geführt wurde.“ Wieder nicht ganz: die Diskussion fand 2003-2004 statt und wurde 2004 erstmals abgedruckt (bis auf zwei kurze Briefe, die erst 2005 erschienen). Auch heißt die Zeitschrift, in der dies geschah, nicht Erwägung Wissen Ethik, sondern Erwägen Wissen Ethik. Letztlich nahmen an der Diskussion nicht, wie Boysen berichtet, 16, sondern 29 Forscher teil.

3. Während die sich daran anschließenden Sätze 4 und 5 der Besprechung den Inhalt des Bandes lediglich verzerrt wiedergeben, enthält der sechste Satz der Rezension ebenfalls Ungenauigkeiten. Dort wird die Faschismusdefinition Griffins wiedergegeben als: „eine politische Ideologie des populistischen Ultranationalismus, dessen mystischer Kern in seinen verschiedenen Ausprägungen in der Form der Wiedergeburt liegt“ (S. 187). Nochmals nicht ganz: Im englischen Original ist nicht von einem „mystischen Kern“, also „mystical core“, sondern von einem „mythic core“ die Rede, was ins Deutsche mit „mythischer Kern“ übersetzt werden sollte. Ein Mysterium mag für Boysen der Faschismusansatz Griffins geblieben sein, hier geht es jedoch um Mythos und nicht Mystik. Auch heißt es bei Griffin nicht, dass Wiedergeburt der Kern von Ultranationalismus ist, sondern dass populistischer Ultranationalismus neben der Palingeneseidee zum mythischen Kern der faschistischen Ideologie gehört. In Boysens Darstellung klingt Griffins Faschismusdefinition ungelenk, wenn nicht absurd.

Die folgenden Ausführungen Boysens enthalten eine Reihe weiterer Entstellungen und Unterlassungen, auf die einzugehen zu weit führen würde.

Während ich in Boysens Rezension als Wichtigtuer daherkomme, erscheint Griffin als Wirrkopf, der nicht in der Lage ist, kohärente Sätze zu seinem Forschungsobjekt zu formulieren.

Das über Jahre von Werner Loh mitentwickelte und in Dutzenden ähnlichen Diskussionen angewandte einzigartige Debattierformat von Erwägen Wissen Ethik erweckt bei Boysen lediglich die Frage, ob „die Diskussion in dieser Form als redundant zu bewerten ist“ (S. 188).

Vor diesem Hintergrund dürfen Griffin, Loh und ich sich wohl glücklich schätzen, dass neben Walter Laqueur, Robert O. Paxton und anderen Kommentatoren nun auch Iris Boysen ihre Zeit und Energie für eine Stellungnahme geopfert hat.

Andreas Umland

Kiew, 3.7.2007


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