Home » Uncategorized » Bemerkungen zur Besprechung von “Fascism Past and Present, West and East” in der Zeitung FREITAG

Bemerkungen zur Besprechung von “Fascism Past and Present, West and East” in der Zeitung FREITAG

Pages

Flickr Photos

Pueblo Bonito, Chaco Canyon

The Aged and the Ageless

Photonic Symphony

More Photos

Blog Stats

  • 19,136 hits

Zum russischen Nichtfaschismus: Beipflichtungen zu einer Kritik von Peter Linke (Freitag, 8.9.2006)

Meine vom “Freitag” nicht veröffentlichte Antwort auf: Peter Linke: “Von Putin geplündert und weichgespült. RUSSLANDS PARTEIENGEMENGE: Rechtsextreme haben ihren Zenit längst überschritten,” in: Freitag: Ost-West-Wochenzeitung, 08.09.2006, http://www.freitag.de/2006/36/06360801.php

Sehr geehrte Redakteure des Freitags,

mit Interesse las ich die Berichtigungen Ihres Beiträgers Peter Linke vom Büro der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Moskau zu meinen Thesen zu Alexander Dugin und dem heutigen russischen Faschismus in dem Sammelband Roger Griffin, Werner Loh und Andreas Umland, Hgg.: Fascism Past and Present, West and East. An International Debate on Concepts and Cases in the Comparative Study of the Extreme Right. Stuttgart: ibidem-Verlag 2006.

Linke ergänzt mich auf schöpferische Weise und vermittelt darüber hinaus ermutigenden Optimismus sowie innovative Sichtweisen, was die Perspektiven rechtsextremer Politik im heutigen Russland anbelangt. Linke verbessert meine Ausführungen zu Dugins Versuchen einer Einflußnahme auf Meinungsführer in Russland, indem er mir dankenswerterweise in den Mund legt, dass Dugin dabei „sehr erfolgreich“ sei. Diese wichtige Ergänzung taucht nicht in dem von Linke zitierten unexpressiven Text auf und verbessert meine einfallslose Stilistik. „Sehr erfolgreich“ – so hätte ich mich womöglich ausdrücken wollen, wenn ich mich weniger von beengenden Konventionen der Wissenschaftsstilistik eingeschränkt gefühlt hätte. Linke zitiert hier zwar nicht mich, aber vielleicht ja mein anderes Ich.

Wenn Linke in seinem Kommentar darauf hinweist, dass ich bei der Deutlichmachung faschistischer Potentiale in der heutigen russischen Politik „grandios gescheitert“ bin, muß ich wieder beipflichten: Linkes Worte in Gottes Gehör! Ich folge Linke uneingeschränkt in seiner Hoffnung, dass Dugin dann doch kein Faschist ist und dessen Internationale „Eurasische Bewegung“ im eurasischen Lager als, nach Linke, „weitgehend isoliert“ gelten darf. Es wäre ganz ausgezeichnet – so hoffe ich mit Linke –, wenn es wenig bedeutet, dass Dugin in den Neunzigern begeistert einen „faschistischen Faschismus“ für Russland kommen sah und freundliche Worte etwa für Reinhard Heydrich übrig hatte sowie viele ähnliche Aussagen zum Dritten Reich, zur SS, zum Institut „Ahnenerbe“ usw. gemacht hat. Und noch begrüßenswerter wäre es, wenn – Linkes Optimismus folgend – die Mitgliedschaft des heutigen russische Kulturministers, eines Beraters des russischen Präsidenten, eines amtierenden Vizesprechers sowie Komiteevorsitzenden des Oberhauses des russischen Parlaments, von Professoren, Diplomaten, Publizisten und ähnlich illustren Persönlichkeiten aus West- und Osteuropa sowie Zentralasien in Dugins Internationaler „Eurasischer Bewegung“ sich als samt und sonders irrelevant herausstellen. Wenn sich Hinweise auf derlei Umstände in Dugins Biographie in meinen sowie ähnlichen Beiträgen anderer russischer Rechtsextremismusforscher (Markus Mathyl, Stephen Shenfield, John Dunlop, Alexander Yanov, Wayne Allensworth u.a.) einmal als verschrobene Panikmache erweisen, hätte ich zumindest überhaupt nichts dagegen.

Auch wenn Linke in seiner Beweisführung zur Inadäquatheit meines Faschismusansatzes darlegt, dass die russischen Neonazis „längst ihren Zenit überschritten haben“, finde ich dies zustimmungswürdig. In einem 2005 gehaltenen und 2006 veröffentlichten Vortrag habe ich etwa die im Jahr 2000 zerfallene neonazistische Russische Nationale Einheit als „falschen Freund“ des vergleichend arbeitenden Faschismusforschers diffamiert, da die Russische Nationale Einheit und andere russische Neonazismen keine autochthone Formen von russischem Faschismus, sondern imitatorische Faschismusspielarten, ja womöglich im postsowjetischen Kontext Faschismuskarikaturen darstellen (Gefährdungen der Freiheit. Göttingen: Vandenhoek & Ruprecht 2006, S. 371-406). Wenn Linke zudem in meinen Beiträgen im rezensierten Faschismusband eine „personelle Verengengung der russische eurasische Bewegung auf Alexander Dugin“ durch mich erkennt, läuft er bei mir insofern offene Türen ein, als ich in einigen meiner Aufsätze zu Dugin, den Eurasismus nicht nur nicht auf Dugin verengt, sondern den sich selbst so bezeichnenden „Neoeurasier“ Dugin als gänzlich außerhalb des klassischen russischen Eurasismus betrachtet habe (z.B. Österreichische Zeitschrift für Politikwissenschaft, Nr. 4, 2004, S. 437-454).

Während ich soweit also einschränkungslos auf Linkes Seite stehe, empfinde ich andere Darstellungen Linkes als teilweise ergänzenswert. Linke bescheinigt mir neben grandiosem Scheitern auch, dass ich „blind“ für den Mißbrauch des Faschismusbegriffs in Russland bin. Es käme noch erschwerend hinzu, dass ich 2003 in der Moskauer Zeitschrift Neprikosnovennyj zapas (Nr. 31, S. 116-122) und 2006 in dem WWW-Periodikum Rußlandanalysen (Nr. 105, S. 2-5) Artikel zu eben dieser Thematik veröffentlichen zu müssen gemeint habe. Dort habe ich versucht, Blindheit durch Systematisierung verschiedener Formen des Mißbrauchs des Faschismusbegriffs in Russland zu begegnen. Offenbar ohne Erfolg.

Auch könnte Linkes affirmative Zitation des „bekannten US-Faschismus-Theoretikers A. James Gregor“ und Unterstützung von Gregors Ablehnung des Faschismusbegriffs für Dugin in Gregors Polemik gegen mich mit weiteren Informationen angereichert werden. Gregor ist trotz seiner Berkeley-Professur und Dutzenden schwergewichtigen Publikationen zu Faschismus sowohl in der politischen Linken, als auch in der deutschen Wissenschaftlergemeinde wenig einflußreich bzw. – ich fürchte, entgegen Linkes Einführung von Gregor – zumindest in Europa weitgehend unbekannt geblieben. Dies mag damit zusammenhängen, dass Gregor auf einige ungewöhnliche Stationen in seiner intellektuellen Biographie zurückblickt und einen unorthodoxen Faschismusbegriff vertritt. In jungen Jahren war Gregor etwa Beiträger der britischen Zeitschrift „The European“, herausgegeben von Sir Oswald Mosley, einst Gründer und Vorsitzender der British Union of Fascists and National Socialists. Derlei Spezifika im Lebenslauf dämpfen etwaige Verblüffungen darüber, daß Gregor in seinen an und für sich informativen Publikationen den Nazismus nicht als eine vollwertige Faschismusspielart ansieht, dagegen den Stalinismus, Maoismus und ähnliche Phänomene zu primitiven Formen von Faschismus sowie das postmaoistische, heutige chinesische Regime als neofaschistisch deklariert. Im Gegensatz dazu wiederum hält Gregor Dugin – trotz dessen Hoffnung auf einen „faschistischen Faschismus“ in Rußland und vieler ähnlicher Aussagen – als „nach vernünftigen Maßstäben niemals“ für faschistisch klassifizierbar (Kursivschrift im Original).

Für rußlandversierte Leser des „Freitags“ könnte auch anregend sein, dass der Moskauer Vetreter der Rosa-Luxemburg-Stiftung in einer Randbemerkung „Neulinke“ wie Boris Kagarlitzki oder Oleg Shenin entlarvt, „oft der Versuchung zu unterliegen, die Kommunistische Partei (KPRF) mit einem rechtsextremen Umfeld auszustatten“. Rußlandinteressierte werden fasziniert sein von Linkes Beobachtung, dass die KPRF einer rechtsextremen Umfeldausstattung bedarf – gibt es doch an und für sich ausreichenden Rechtsextremismus innerhalb der Führung der KPRF. Der Antisemitismus solcher ehemals oder derzeit von der KPRF in die Staatsduma entsandten Abgeordneten wie Albert Makaschow oder Nikolaj Kondratenko müßte eigentlich ohne Unterstützung von außen auskommen. Der KPRF-Vorsitzende Gennadij Zjuganov selbst hat sich in seinen vielen Publikationen mit derart hoher Kompetenz zu „konservativ-revolutionären“, geopolitischen, slawophilen, eurasischen und orthodoxen Ideen geäußert, dass seine Partei auf nur noch geringfügige Anleihen aus rechtsextremen Umfeldern angewiesen sein sollte. Insofern erscheint Linkes Ablehnung der Sichtweise der erwähnten „Neulinken“ als durchaus berechtigt: Wozu Antisemiten mit einem „rechtsextremen Umfeld ausstatten“? Gut, dass uns Linke auf diese Absurdität hinweist. Ebenso dürfte Linkes Entdeckung der Existenz von „linken Eurasiern“ in Russland sowie seine Klassifizierung von Dugin als zu einem „okkulten Westlertum“ zugehörig für rußlandinteressierte Leser des „Freitag“originelle Befunde darstellen.

Bleibt zu hoffen, dass Linke mit seinen Berichtigungen meiner Irrtümlichkeiten so weit als möglich recht behält, und dass die „Beunruhigung“ die Linke in meinen Zeilen zu recht erkennt und die auch andere Kommentatoren des russischen Rechtsextremismus zu plagen scheint, lediglich auf – wie in meinem Fall – „Blindheit“ zurückzuführen ist bzw., wie Linke vermutet, womöglich damit zu tun hat, dass Kommentatoren, wie meine Wenigkeit, „heimlich mit an der ‘Festung Europa’“ bauen.

Andreas Umland

Kiew, Oktober 2006


Leave a Reply

Fill in your details below or click an icon to log in:

WordPress.com Logo

You are commenting using your WordPress.com account. Log Out / Change )

Twitter picture

You are commenting using your Twitter account. Log Out / Change )

Facebook photo

You are commenting using your Facebook account. Log Out / Change )

Google+ photo

You are commenting using your Google+ account. Log Out / Change )

Connecting to %s

%d bloggers like this: